REMBETIKO

Hier berichte ich von dem Genuss eines Buches mit einem Flair, der in eine andere Zeit und Welt führt. Wohlmöglich zieht mich augenblicklich daran die Kombi „Widerstand und Lebensart“ besonders an.

David Prudhomme (vom selben Autor: Rein in die Fluten, Einmal durch den Louvre) bekennt in der Vorrede: „Ich bin kein Grieche, geschweige denn Musiker, ich habe schon seit geraumer Zeit nicht mehr geraucht.“ Doch diese Geschichte – eine der Figuren hat tatsächlich gelebt – wollte erzählt werden, und mit Rembetiko gelingt ihm ein mitreißender Musik-Comic. Er transportiert virtuos die rauschhafte Lebensart einer Rembetikogruppe, deren Musik einerseits überaus gefragt, andererseits verflucht wird. Überaus gewitzt behaupten sie sich, trotzen ihrer Verfolgung und leben ihre Musik.

Hintergrund der Geschichte ist den Verlust Smyrnas 1922, Auslöser dafür, dass anderthalb Millionen Orthodoxe, die seit Generationen in Kleinasien gelebt haben, nach Griechenland emigrieren, wo sie sich großteils in Vorstadtslums ansiedeln. Verschiedene Lebensweisen und Einflüsse treffen dabei aufeinander, auch in der Musik – der Rembetiko entsteht.

Die Handlung spielt 1936 in Athen: Vor seiner Entlassung nach sechs Monaten Gefängnis bekommt Markos vom Rembetiko-geneigten Direktor ein Update zur immer angespannteren Situation seit kurz zuvor der faschistische Diktator Metaxas an die Macht gekommen ist: „Sie schließen ein Teke nach dem anderen unter dem Vorwand, dort käme es ständig zu Schlägereien, verbieten die Lieder, die von Drogen und von Verbrechen erzählen und überall schmäht man den Rembetiko, verunglimpft ihn als dekadentes Geleier …“

Prudhonne erzählt in schönen Schnitten: Was der Gefängnisdirektor soeben beschreibt, ist das, was Markos´ Freunden, die vor dem Gefängnis auf ihn warten, just in dem Moment widerfährt. Sie werden als Rembetike erkannt und niedergeknüppelt. Doch die Gruppe hat Witz und schnelle Beine und gibt den Ordnungshütern Konter, wobei eines der Instrumente dran glauben muss. Auf Action folgt aber gleich wieder Muße – endlich wiedervereint nehmen Markos und die Freunde bei einer Wasserpfeife den Faden dort auf, wo er vor dessen Zeit im Knast verloren gegangen war und schmieden Pläne für ein Konzert am selben Abend. Die bis dahin verbleibenden Stunden wollen genutzt sein und was sich da anbietet, liegt auf der Hand: eine Tour durch die Kneipen, sprich Teken.

Das Konzert dann wird legendär. Es geht ordentlich zur Sache, Schlägerei, Verrat und Flucht inklusive, und dabei ist faszinierend, dass Prudhomme weit davon entfernt ist, bei Gangsterklischees oder den Feindseligkeiten zwischen Griechen und Türken hängenzubleiben. So wird beispielsweise konkret Performance und Konsum von Musik verhandelt: wäre denn bei einem „verfolgten Genre“ wie dem Rembetiko eine Platte nicht die Chance? Aber was bedeutet eine Aufnahme und deren Verkauf? Darüber sind Markos und seine Musikerkollegen geteilter Meinung. Für Markos steht fest: Man weiss dann nicht mehr, vor wem und für wen man eigentlich spielt – „Vielleicht die Frau eines Polizisten?“. Studioaufnahme und Export brächten einen Verlust an Selbstbestimmung und Folklorisierung mit sich.

Nicht nur inhaltlich vielschichtig – der Comic ist auch noch stark gezeichnet. Es ist eine Freude zu sehen, wie Prudhomme die Stimmung der Szenen der Geschichte zu zu den unterschiedlichen Uhrzeiten herstellt: ob im Schatten verwinkelter Gassen, im Innern von Kneipen und finsteren Spelunken oder im Dunkel ihrer Hinterzimmern, auch was im Freien im Licht der Nacht geschieht, all das ist bei Prudhomme von der Beleuchtung her fantastisch getroffen. Hier zeigt sich ein Künstler, der meisterhaft mit sämtlichen Nuancen des Lichts umgehen kann und die Leser*innen über die 24 Stunden Handlung des Comics mitzunehmen versteht.
Schließlich sollte die Übersetzungsleistung von Ulrich Pröfrock, der, wie gewohnt, den Ton genau trifft und auch die 14 Zeilen Verse am Schluss wunderbar und ebenso gereimt in Deutsch aufleben lässt, nicht unerwähnt bleiben.
Prudhommes Buch ist eine stimmungsvolle, ungestüme Geschichte, die Lust macht, den dazugehörigen Soundtrack zu suchen und weiter in die Welt des Rembetiko einzutauchen.

– Lea Hübner

(Eine weitere, bebilderte Fassung des Textes ist hier nachzulesen)

Rembetiko

von: David Prudhomme | Verlag: Reprodukt

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