LITTLE NEMO TRÄUMT WEITER

COMIC REVIEW

von Lea

Winsor McCays »Little Nemo in Slumberland« ist eine Adresse im Comic-Universum, um die man kaum darum herumkommt. Unzählige Comics sind von dem Klassiker inspiriert, oder verweisen, oft wie nebenbei, in Anspielungen auf das Meisterwerk der frühen Comicgeschichte. Diesen Dezember erscheint die Hommage »Little Nemo« des Belgiers Frank Pé bei Carlsen auf Deutsch.

Es ist nicht das erste Buch dieser Art, vielmehr ergänzt es die Reihe von rund hundert Jahre später entstandenen Hommagen zu McCay und Little Nemo. Anlass genug für eine Betrachtung dieser Werke. Doch zunächst zurück zum Anfang, denn ohne Urheber kein Zitat. Ursprünglich erschien Little Nemo von 1905 an über Jahre in US-amerikanischen Zeitungen in wöchentlicher Folge, doch in unsere Gefilde gelangte er mit langer Verzögerung  … womöglich in seinem behäbigen Luftschiff. Hier ein kurzer Überblick zu seiner Präsenz auf dem deutschsprachigen Markt, zumindest was seine Veröffentlichung zwischen zwei Buchdeckeln betrifft:

Little Nemo bei uns – Die Anfänge

Dem Melzer Verlag gebührt das Verdienst, 1972 die deutschsprachige Erstausgabe von Little Nemo herausgebracht zu haben, wahlweise als Gesamtausgabe in einem Band oder in 5 Bänden nach Jahrgang des Zeitungsstrips in Großformat. Doch leider fehlen einzelne Episoden, nur manches ist vierfarbig, das meiste schwarz-weiß. Die Lesbarkeit der Übersetzung von Yvonne Carroux (Episoden 1905-08) und Rolf Steinberg (1908-1910) ist nicht so gut, der Text ist oft sehr gedrängt, geht sogar über die Textfelder hinaus. In der gleich 1974 im Fischer Taschenbuchverlag erschienenen Lizenzausgabe wird das Problem aufgrund des Kleinformats noch verschärft. Zwar ist die Taschenbuchausgabe erschwinglich (7 Bände zu 4,80 DM), doch McCays Comicseiten werden für die die Neueinrichtung der Seiten zerhackt, ihr Wert als Gesamtkomposition geht verloren, stattdessen werden leere Panels und Seiten mit zeitgenössischer Werbung aus dem damaligen Sonntagsbeilagen mit eingebaut. 

Eine komplette Auflistung aller Ausgaben ist hier nicht die Absicht. Interessant aber, zu sehen, dass dem auflagenreichen Start bei Melzer eine Dekade später eine überarbeitete Ausgabe in fünf Bänden, nun im Albumformat, folgte und die Lust an Little-Nemo so schnell nicht zu enden schien, so dass ab 1989 auch Carlsen ins Spiel kam und bis 1994 Little Nemo als Album in 5 Bänden vorlegte, durchgehend farbig und neu übersetzt von Wolfgang J. Fuchs, dicht gefolgt von der Hommage Die Träume des Little Nemo von Moebius und Marchand (1994 Band 1 Die Entführung des Königs, 1995 Band 2 Im Land der bösen Träume) äußerst spannend, ganz Moebius-like und wunderbar von Marchand umgesetzt, doch heute leider vergriffen, wie alle bisher genannten Titel. Auch die 2000 bei Taschen erschienene Gesamtausgabe in Deutsch ist nur noch antiquarisch zu bekommen, doch Taschen ist am Ball geblieben. 

McCays Evergreen, auch heute im Buchhandel

Mit einer (nun wirklich vollständigen) von Alexander Braun herausgegebenen Gesamtausgabe der Little Nemo-Sonntagsseiten von 1905 bis 1927 in Englisch, durchgehend farbig, legte der Kölner Taschen Verlag in zwei Bänden, 2016 bzw. 2019, zwei wahre Giganten vor, dazu Die Luftschiffabenteuer von Little Nemo als kleinformatiger Band 2017, bei dem die Original-Strips auf mehrere Seiten verteilt abgedruckt sind. Solche Versionen in groß und klein ähneln dem Angebot der Siebziger Jahre. 

Die Qualität ist herausragend, insbesondere die ausführliche Einführung von Alexander Braun (auf Deutsch): Auf 150 Seiten versammelt der Kunsthistoriker Bildmaterial und Texte zum Gesamtwerk McCays (darunter Serien wie Little Sammy Sneeze, Dreams of a Rarebit Fiend), seiner Biografie, dem historischen Kontext, er beschreibt Entstehung des Mediums Comic parallel zum Film, mit dem auch McCay experimentierte, sowie Einflüsse und Echo (u.a. in Calvin und Hobbes, Valentina, Batman …) bis heute.

Aktuelle Hommagen

Was wird nun aus Little Nemo, wie verarbeiten die Autoren den Original-Stoff und was wollen sie erzählen?  

Little Nemo Rückkehr ins Schlummerland von Eric Shanower (Szenario), Gabriel Rodriguez (Zeichnungen) und Nelson Daniel (Farben) erschien2015 (Comixene 116 brachte eine Rezension). Das Orignal war in zwei Bänden angelegt, es erhielt den Eisner-Award 2015 als Beste abgeschlossene Serie und war nominiert für das beste Werk für Kinder. Darin begegnet uns McCays Slumberland mit einem Detailreichtum, der der Welt des Comic-Klassikers in nichts nachsteht, jedoch neuer wirkt, nicht zuletzt, weil Nelson Daniel starke Farbtöne verwendet. Die Palette der Charaktere umfasst die gesamte Original-Crew, Locke & Key-Zeichner Rodríguez stattet sie mit sehr lebendiger Dynamik aus. Nemo trägt einen neuen Pyjama, heißt hier eigentlich Jimmy und spielt nicht gern mit Mädchen, weshalb er zögert, ob er ins Schlummerland zur Prinzessin will, doch die ist weit weniger fade als ihre Vorgängerin. Ein unwahrscheinlich anmutender Turn: Flip muss das Rauchen aufgeben und wird zum Zuckerstangen-Addict (Pfefferminzgeschmack).

Im Gegensatz zu Shanovers moderner Variante der Originalstory, bringt McCAY von Szenarist Thierry Smolderen und Zeichner Jean-Philippe Bramanti, erschienen im Juli 2019 bei Carlsen zu McCays 150. Geburtstag, eine fiktionalisierte Biografie: Erinnern in Sepiafarben, aber anders, düster, als Spiel mit dem Unheimlichen, Unmöglichen – McCay begegnet dem Mathematiker Charles Hinton und wird verstrickt in die Suche nach der vierten Dimension, einem Mann auf der Spur, der es auf die wichtigsten Köpfe des Landes abgesehen hat. »Wake up!« ist hier auch politisch gemeint. Hochspannend greift McCay zudem dessen Faszination für Illusion und die Inszenierung von Raum auf und lässt Little Nemo seinem Schöpfer begegnen. 

Little Nemo nach Winsor McCay von Frank Pé ist vor allem eine Verbeugung vor dem Meister, die sprüht von der Freude des Autors, seinen Traum auszuleben und in die Stapfen des Vorbilds zu treten, um das Spiel mit den Mitteln des Chefs selbst in die Hand zu nehmen. Pé zeigt virtuos gestaltete Seiten als Gesamtkomposition, auf der er Fantasien über Bücherwelten voll riskanter Literatur erfindet und ausgiebig seinem Faible für das Zeichnen von Tieren fröhnt, die in atemberaubender Steigerung die Blätter füllen. 

Die Geschichte bleibt jedoch hinter dem visuellen Reichtum zurück und nimmt die dem Genre Hommage innewohnende Chance, einen alten Stoff zu entstauben (wie bei Rückkehr ins Schlummerland bewusst intendiert) nicht wahr. So geht es etwa beim Figureninventar altbacken Bartträger-lastig zu, mit lediglich einer (klischeehaften) Albtraum-Mutter und Nemos echter, ihn zudeckenden Mutter als weibliche Figuren – immerhin stellt Pé im Vorwort eine Fortführung mit Auftritt der Prinzessin von Slumberland in Aussicht – und Flip kommt mehr onkelhaft rüber als flippig. Ein schönes Novum liefern hingegen die oft doppelseitigen Makros von meist actionreich inszenierten Figuren, ebenso wie Seiten, die McCay am Zeichentisch beobachten und liebevoll »Little Winsor in Happyland« betitelte Episoden.

FAZIT

Die Lektüre jeder der Hommagen bestätigt: Vater und Kind sind wohlauf! Explizit ins Bild gesetzt bei McCay von Smolderen und Little Nemo von Pé, die beide Schöpfer und Geschöpf als Figuren und einen sehr freien Umgang mit der gegebenen Thematik führen, ob sie nun das Leben des Comicpioniers als Mystery-Crimestory zeigen, oder Nemo und seinen Autor in skurrilen Traumsequenzen, die keinem Plot verpflichtet sind. Demgegenüber bietet Shanovers Rückkehr eine werktreue, aufgefrischte Variante für Kinder von heute, die ebenso lesenswert ist. 

Bleibt lobend zu erwähnen, dass Carlsen McCay über die Jahre nie aus dem Blick verloren und in Pé einen Autor hat, von dem weiterhin viel zu sehen sein wird. Ich persönlich bin neugierig auf seine Nemo-Fortführung mit Prinzessin, aber zunächst soll es um das fantastische Tier mit dem langen gefleckten Schwanz gehen – übrigens als Sidekick auch im neuen Little Nemo versteckt. Das Netz der Anspielungen webt sich weiter.

Little Nemo
Eine Hommage von Frank Pé
von: Frank Pé | Verlag: Carlsen Comics

McCay
Text: Thierry Smolderen  |  Zeichnung: Jean-Philippe Bramanti  |  Verlag: Carlsen Comics

Little Nemo – Rückkehr ins Schlummerland
Text: Eric Shanower | Zeichnung: Gabriel Rodriguez | Verlag: Splitter Verlag

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