Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte

Comic Review

Cover illustration von dem Comic Die Frau als Mensch von Ullist Lust. Menschen klettern in eine Baumhöhle, die aussieht wie eine Vulva.
Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte
von: Ulli Lust
Verlag: Reprodukt


In Büchern über die Steinzeit sehen wir vorrangig Männer beim Jagen, Feuerstein schlagen oder Höhlen bemalen. Frauen kümmern sich um Nachwuchs, Kleidung und Nahrung. Die meisten Menschenbilder aber, die uns von Eiszeitmenschen selbst hinterlassen wurden, zeigen nur Frauen. Woher wissen wir also, wer welche Rolle hatte? Die Zeichnerin Ulli Lust widmet sich in ihrem neuesten Comic “Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte” genau dieser Frage.

Die Menschheitsgeschichte zu erzählen ist eine ziemlich große Aufgabe. Wie geht Ulli Lust das an? Sie beginnt zunächst anekdotisch mit Szenen aus dem Leben der Autorin (Kindheit, Flugreise). Dabei
wirft sie Fragen nach Normen und männlicher Dominanz auf und findet ihren Weg über die Kunst zur Geschichtsschreibung.
Lust beginnt ganz am Anfang und entmystifiziert die frühe Menschheitsgeschichte. Naheliegend, dass ihr Fokus auf dem afrikanischen Kontinent als Geburtsort menschlichen Lebens und auf indigenen Stämmen und Gruppen in Nordamerika und Japan liegt. Sie zeigt dann auch: Die Scham der Frau in der modernen Geschichte war lange allgegenwärtig. Bei all der Sachlichkeit und den vielen Fakten streut Ulli Lust immer wieder mal kleine Humor-Häppchen ein. Zum Beispiel gibt es eine Anspielung auf die berühmte Asterix Einleitung: „die gesamte Weltgeschichte ist ein Beweis für die Überlegenheit des Mannes – Die gesamte? Nein!“.


So dekonstruiert sie denn auch den Mythos vom prähistorischen Jäger. Denn der aktuelle Stand der Wissenschaft geht von einem Volk von Universalisten aus statt der Rollenteilung nach Geschlechtern. Frühgeschichtliche Menschen konnten sich diese Trennung schlechterdings nicht leisten. Alle mussten alles können um das Überleben zu sichern. Geschlechter waren daher wohl auch deutlich fluider Hierarchien oft nicht vorhanden. Überleben war eine Gruppenaufgabe, die nur gemeinsam bestanden werden konnte, von Frauen, Männern, Kindern oder auch nicht-binären Menschen.


Das geht auch mit der Beurteilung von Artefakten einher, die immer in Abhängigkeit von der Gesellschaft steht die sie entdeckt. Die meisten Frauenfiguren wurden zwischen 1800-1900 gefunden und passend zur damaligen Weltsicht ausschließlich von Männern begutachtet und als unzüchtig oder Liebesgöttin betitelt.


Ulli Lust hat von Anfang an feministisch und mit Bezug auf Mythen gearbeitet, wie die springpoems oder Airpussy zeigen. Im neuen Comic geht es aber eher sachlich nüchtern zu, bis auf ein paar wenige Ausnahmen. Damit liest sich „Die Frau als Mensch“ deutlich weniger lakonisch und verspottend wie etwa die Werke von Liv Strömquist oder Catherine Meurisse. Das ist allerdings kein Nachteil. Und das Buch ist ungehemmt und explizit, z.B. wenn es um Sex als sozialen Tranquilizer wie bei den Bonobo-Affen geht oder bei der Frage nach Bewertung von Menstruation vor 30.000 Jahren.


Aktuelles Wissen aus der Archäologie, gepaart mit Ideen aus ethnologischen Beispielen, und in Reflexion mit der Gegenwart, erzeugen einen brisanten Mix zum Nachdenken und räumen mit vielen ideologisch geprägten Annahmen auf.

Ich freue mich auf den zweiten Band!

von Lara